Es liegt was in der Luft
von Richard Dresser

 

Pressestimmen

 

FÜRTHER NACHRICHTEN, Montag 09.03.2009

Die Macht des Geldes
Schwarze Komödie in der Kofferfabrik fesselt vital

Mit dem rechten Stück zur rechten Zeit konnte das Spin-Off-Theater in der Kofferfabrik punkten. Richard Dressers «Es liegt was in der Luft» zeichnet in seinen clipartig montierten Dialogen und Szenen mit den Mitteln der Komik ein düsteres Weltbild.


In der herrlich absurden Tradition von Beckett und Ionesco wird einer Gesellschaft auf den Zahn gefühlt, in der Menschen in einem hoffnungslosen Kampf gegeneinander stehen, während sie eigentlich nur hilflose Marionetten höherer Mächte sind. Die Rahmenhandlung haut gewaltig auf den Putz: Walker (richtig schön gebeutelt und verunsichert: Frank Strobelt) hat an der Wallstreet mit Luftrechten, also buchstäblich mit nichts gehandelt. Gescheitert und pleite sucht er nach einem Ausweg. So landet er bei dem dubiosen Makler Neville (unheimlich abgebrüht: Bert-Peter Wendt).

Der schlägt ihm ein «todsicheres» Investitionsobjekt vor: Walker soll für einen Sterbenden den Unterhalt bestreiten. Als Gegenleistung wird er als Alleinerbe eingesetzt - durch die Lebensversicherung ein einträgliches Geschäft. Der bankrotte Banker sagt zu und wählt Cram (nur noch bitterböse-köstlich: Uwe Weiherer) als seinen persönlichen Todeskandidaten aus.

Nun geht es rund: Weiherer grantelt und hasst die Welt so innig, dass er selbst den legendären Alfred Tetzlaff in seine Schranken verweist. Alle macht er an, alle will er verletzen. Dann verliebt Walker sich in Sloane, die Schwester von Cram (cool gespielt von Vera Mickenbecker), ohne zu wissen, wer sie ist.

Mord und Totschlag

Sie beginnt die Beziehung nur, um an Crams Geld heranzukommen. Doch der Kranke erweist sich als zäh. In seiner Not engagiert Walker die Krankenschwester Holloway (sehr doppelbödig: Christine Maaß), die heimlich Sterbehilfe leisten soll. Stattdessen landet sie mit Cram im Bett, der wieder gesundet. Unter seinem schwarzen Einfluss wird aus dem guten Engel Holloway, der nur für andere lebt, eine eiskalte Egoistin. Am Ende stehen Mord und Totschlag.

Dem Spin-Off-Theater gelingen eine hinterhältige Humoreske, eine bizarre Parabel auf den «American Dream» und ein kluger Kommentar zur aktuellen Wirtschaftskrise in einem. Regisseur Frank Strobelt hat eine zornige Studie über die Dynamik der Macht, die Anbetung des Geldes und seine zerstörerische Wirkung auf das Individuum geschaffen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Auswege gibt es in dieser Inszenierung nicht, Hoffnung ist streng verboten. Selbst Makler Neville ist nur ein Getriebener. Wenn es heißt alle gegen alle, kann keiner gewinnen.

Anne Peters

© FÜRTHER NACHRICHTEN

 

 

FÜRTHER NACHRICHTEN, Mittwoch 04.03.2009

Luftschösser eines Börsenmaklers

Er ist smart, aber am Boden: Der New Yorker Börsianer Walker sucht neuen Lebenssinn. Sein „Investitionsobjekt" wird der vermeintlich todkranke Miesepeter Cram. Mit schwarzem Humor
rechnet der US-Autor Richard Dresser in „Es liegt was in der Luft" mit den Zynismen der Finanzwelt ab. Das Spin Off Theater aus Nürnberg zeigt das 1999 uraufgeführte Stück ab Freitag in
der Kofferfabrik mit Frank Strobelt und Uwe Weiherer in den Hauptrollen.
Die FN sprachen vor der Premiere mit Strobeit, der auch Regie führt.

Ein Wall-Street-Typ ist im Handel mit „luftigem Nichts" gescheitert. Das klingt unfassbar aktuell. Wie ist Ihnen denn dieser Coup gelungen?
Strobelt: Es ist ein totaler Zufall! Ich las das Stück im vergangenen Sommer, als die Welt noch halbwegs in Ordnung war. Aber ich wusste, das will ich machen. Während der Proben
stellte sich dann immer mehr heraus, was für einen Volltreffer wir da an Land gezogen haben.

Ist der American Dream zu Ende geträumt?
Strobelt: In gewissem Sinn schon, wenn man bedenkt, dass es Spekulationen mit Luft wirklich gegeben hat.

Nicht Ihr Einst, oder?
Strobelt: Doch. Das funktioniert so: Ein Makler kauft den Luftraum über Ihrem Hochhaus. Und wenn Sie oder jemand anders irgendwann noch ein paar Stockwerke draufsetzen wollen, hält der die Hand auf. Auch die Geschichte mit dem Verkauf von Lebensversicherungspolicen Todkranker ist wahr. Einer unserer Mitspieler brachte den Ifozetteleiner großen deutschen Bank mit. Natürlich wird das da alles etwas feiner formuliert, Motto: Kaufen Sie Lebensversicherungen, bevor sie ein anderer ungünstig verkaufen muss.

Interessiert Sie als Regisseur mehr der internationale oder der nationale Aspekt der Krise?
Strobelt: Weder noch. Der Interessenschwerpunkt der Produktion läuft eher auf die These „Alles ist Zufall" hinaus. Dresser lässt seine Figuren behaupten, alles im Leben sei eine Verkettung von Schicksalen. Ich sage: Das, was man „Schicksal" nennt, ist immer nur eine rückwirkende Verkettung von kausalen Zusammenhängen. Nichts kennen wir so gut wie das Wetter von gestern. Ich glaube, Wirtschaft funktioniert ganz ahnlich.

Können Sie noch lachen, wenn Sie morgens das Radio einschalten?
Strobelt: Um ganz ehrlich zu sein, ich höre kein Radio mehr. Zweitens: Ich mag diesen täglichen Defätismus nicht. Insgesamt aber wird es schwieriger, keine Frage, ja.

Interview: Matthias Boll

© FÜRTHER NACHRICHTEN


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