Riverside Drive

von Woody Allen

Pressestimmen

 

NÜRNBERGER ZEITUNG, Montag 16.01.2006, Rubrik „Nürnberg plus"

“Riverside Drive“ von Woody Allen

Wie bringe ich die Geliebte um?

„Zwanghafte Geradlinigkeit ist er Fluch kleiner Geister“, konstatiert Fred (Frank Strobelt). Und Fred muss es ja wissen: Er, der Penner, ist in Wahrheit ein verkanntes Genie, ein verhinderter Shakespeare, dem mittelmäßige Autoren wie Jim (Björn Doering) die Ideen klauen, wenn sie nur nah genug ans Lagerfeuer heranrücken.
Und wenn dann auch noch Jim die gesammelten Erfahrungen aus der Psychiatrie in einem Film verwurstet, dann schreit das nach Wiedergutmachung! Zumindest nach prozentualer Beteiligung an den Einspielergebnissen plus künftiger Mitwirkung an weiteren Drehbüchern.
Eigentlich kann Jim, der zweitklassige Drehbuchautor, Freds Angebot am Ufer des Hudsonflusses nicht ausschlagen. Denn je länger Fred auf Ihn einredet, umso mehr offenbart sich, dass Jim sein Leben und seine Karriere auf Sand gebaut hat: Aus der Ehe mit Lola ist die Luft heraus, die Kinder sind hässlich und die Geliebte (Victoria Kaller) stellt zu hohe Ansprüche. Da kommt so ein Berater für alle Lebenslagen in Grenzsituationen gerade richtig, erst recht, wenn Fred Anweisungen aus der Nachbargalaxie empfängt...
„Riverside Drive“ heißt der Zweiakter von Woody Allen, ein kurzweilig konzipiertes Dreipersonenstück, das vom Nürnberger Spin-Off-Theater unter der Regie von Britta Papenberg ansprechend in Szene gesetzt wurde.
Im ersten Akt präsentiert sich die Farce noch als Streitgespräch zwischen Original und Plagiat, Genialität und Mittelmaß, glorreichem Scheitern und beharrlichem Durchschnitt, nach der Pause mutiert das Stück aber plötzlich zur misogynen Männerphantasie.
Da malen sich die Herren wollüstig verschiedene Unfalltode, Selbst- und Raubmorde aus, denen Barbara urplötzlich erliegen könnte. [ … ] Und Barbara selbst erweist sich von vornherein als Zimtzicke, der niemand eine Träne nachweint. [ … ] Letztendlich erweist sich „Riverside Drive“ nur als Umkehrung von „Play it again, Sam“. Damals hatte Humphrey Bogarts Geist dam Kinogänger Woody Nachhilfe im Erobern zögerlicher Frauenherzen erteilt. Heute also erfahren wir Nachhilfe im umgekehrten Uhrzeigersinn. [ … ]

Reinhard Kalb

 

Fürther Nachrichten, März 2006

Rück die Tantiemen raus, Mann!
Bagaasch: Das Spin Off Theater Nürnberg amüsiert mit Allens
"Riverside Drive"

New York im Nebel. Die Stadt, in der die Neurosen blühen. Wir
befinden uns an der Ecke 80. Straße am Riverside Drive in Manhattan,
in der Nähe des Lincoln Center, nur einige Minuten von Midtown,
Broadway, Central Park und vom Metropolitan Museum of Art entfernt.
Hier will sich der erfolgreiche Drehbuchautor Jim Swain mit seiner
heimlichen Geliebten Barbara treffen.

Doch weil wir uns nicht in einem Werbekatalog der New Yorker
Tourismuszentrale tummeln, sondern in einer Woody-Allen-Komödie,
folgt nun keine heiße Liebesnacht, sondern das totale Chaos. Die
Ecke ist schmuddelig-düster, und statt Barbara taucht der schräge
Obdachlose Fred auf. Er pöbelt Jim an und behauptet sogar, Jim hätte
ihm die Idee zu seinem jüngsten, sehr erfolgreichen Film gestohlen,
er müsse ihn belauscht haben. Rück die Tantiemen raus, Mann!

Uninspirierter Hänfling

Spinnt der Kerl? Geht es um handfeste Psychosen, oder ist was dran
an dem Vorwurf? Jedenfalls ist Fred erstaunlich gut über Jims
Privatleben inklusive Seitensprunghaftigkeit im Bilde - und Jim ist
tatsächlich ein uninspirierter, blasser Hänfling. Über einen Mangel
an Visionen hingegen kann Fred, der ständig Nachrichten aus dem All
empfängt, nicht klagen. So weiß er sofort Rat, als die überspannte
Barbara auftritt, Jim mit ihr Schluss macht und sie ihn deshalb
erpresst.

Von nun an handelt "Riverside Drive" davon, wie ein Weib getötet
wird, das gestört hat. Das Stück ist im Grunde die Variante einer
Idee, die man aus Allens "Bullets over Broadway" kennt: Ein
schwacher Kopfmensch, der weder seine Kunst noch sein Leben
beherrscht, findet einen Täter, der ihm die Arbeit abnimmt. In
"Bullets over Broadway" hatte ein Dramatiker lernen müssen, dass ein
Profikiller ihm einfach überlegen ist.

Im Einakter "Riverside Drive" ist es der geistig verwirrte - oder je
nach Sichtweise geniale - Obdachlose Fred, der die Dinge in die Hand
nimmt und die Geliebte kurzerhand in den Hudson River stößt. Jim
kehrt, sich räuspernd zwar, aber doch nicht wirklich erschüttert, in
sein altes Leben zurück.

"Fred vom Jupiter"

Regisseurin Britta Papenberg hat das Stück für das freie Nürnberger
Ensemble "Spin Off Theater" - die Premiere war Mitte Januar -
entschieden inszeniert, um aus der Allenschen Mischung aus
Alltagstrivialitäten und abgehobener Philosophie einen klaren Kern
herauszuschälen. Bei ihr ist es sicher, dass Fred Barbara getötet
hat, während das Original immerhin noch die Möglichkeit eines
Hirngespinstes offen lässt. Und wenn dann am Schluss plötzlich der
Neue-Deutsche-Welle-Hit "Fred vom Jupiter" erklingt, scheint der
Irre tatsächlich die Wahrheit gesprochen zu haben und in die
Sternenwelt abgeholt zu werden. Passt nicht ganz zu Allen, der
verspielter rangeht, garantiert andererseits jedoch eine gewisse
Stringenz, die mit viel Applaus beim Gastspiel in der erfreulich gut
besuchten Fürther Bagaasch belohnt wurde.

Die relativ ausufernden Monologe verlangen den Schauspielern
etliches ab, und so erweist sich Frank Strobelt alias Fred als
tragendes Element, das Björn Döring, der neu ist im "Spin Off"-Team,
kräftig unter die Arme greift. Von seinen beängstigend real auf die
Bühne gebrachten Schrullen lebt das Stück.

Dramaturgische Schwächen

Victoria Kaller gibt eine zickige, typisch New Yorkerische Barbara,
deren Auftritt gegenüber dem Stück-Original etwas ausgeweitet wurde.
Das sparsame Bühnenbild, das lediglich eine Parkbank zeigt, lenkt
die Aufmerksamkeit ganz bestimmt nicht ab. Allerdings treten auf
Grund dieser konzentrierten Atmosphäre auch Allens Schwächen stärker
zutage, der dringend neue Ideen bräuchte - da hilft auch die
handfesteste Regie wenig.

Für Amüsement durch solide Arbeit ist dennoch gesorgt.
Claudia Schuller

© FÜRTHER NACHRICHTEN

 



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